Ob nun als schlaffe oder vorgespannte Bewehrung eingesetzt verlangen Stahlbewehrungen aufgrund ihrer Korosionsanfälligkeit nach einer ausreichenden Betonüberdeckung. Erst eine zwischen 2,5 und 5 cm starke Betonschicht über der Bewehrung kann den Stahl vor Feuchtigkeit schützen, was zwangsläufig in relativ massive und damit auch schwere Konstruktionen resultiert. Nachdem nun seit einiger Zeit bereits erfolgreich Glasfasern zur Sanierung von Spannbeton-Brücken eingesetzt werden indem sie vorgespannt unter derartige Brücken geklebt werden, lag es nahe, diese auch gleich zur Bewehrung von Betonteilen einzusetzen. Als Kurzglasfasern vielen Betonsorten schon lange beigemischt, müssen sie für eine ausreichende Bewehrungswirkung jedoch in so genannten Rovings, Bündel aus mehreren hundert bis tausend Elementarfasern, in den Beton unidirektional eingebettet werden. Hauptvorteil dieser Technik ist, dass auf die beim Stahlbeton üblichen Deckschichten verzichtet werden kann, was in der Folge wesentlich schlankere und leichtere Konstruktionen erlaubt.
Praktikabel wurde die Herstellung textilbewehrter Betonteile jedoch erst, als es 1993 den Forschern des Institutes für Textil- und Bekleidungstechnik der TU Dresden erstmals auf der Welt gelang, aus den bis dato als nicht textil verarbeitbar geltenden Schneidrovings textile Strukturen für Bewehrungszwecke mittels der Kettenwirktechnik herzustellen. Diese Rovings in Form von Matten, Gelegen oder Geweben in die Betonfläche eingebracht, steigern die statische Wirkung drastisch. Potentielle Anwendungen auf der Basis des textilbewehrten Betons liegen sowohl in der Verstärkung und Instandsetzung vorhandener Bausubstanz oder in der Verbesserung der Gebrauchstauglichkeit von Stahl- und Spannbetonbauteilen durch zusätzliche textilbewehrte Verstärkungsschichten. Als konkrete Beispiele für die Anwendung des textilbewehrten Betons sind etwa die Verstärkung von Stahl- und Spannbeton-masten, von Mauerwerks- und Betonbauteilen oder die Entwicklung, Herstellung und Anwendung von Fassaden-, Dach- und Balkonbauteilen und von Lärmschutzwänden zu nennen, die sich bis hin zu neuen Möglichkeiten bei der Stadtmöbilierung, im Behälter- und Rohrleitungsbau und bei der Instandsetzung diesbezüglicher Erzeugnisse fortsetzen.
Doch der neue Werkstoff ermöglicht auch die Entwicklung völlig neuer Konstruktionen, die, wie bereits erwähnt, wesentlich schlanker und leichter ausgeführt werden können. So wurde an der Technischen Universität Dresden eine Fußgängerbrücke aus Textilbeton entwickelt, die nach eingehenden Tests im Sommer 2006 in die Anlagen zur Landesgartenschau in Oschatz integriert wurde. Doch durch den Einbau des Gewebes in den Beton entsteht ein Verbundwerkstoff, dessen Tragverhalten nicht aus einer Kombination der Eigenschaften seiner einzelnen Komponenten hergeleitet werden kann. Dieser muss stattdessen neu ermittelt werden. In dieser neuen Disziplin der Materialwissenschaft wird derzeitig intensiv geforscht, denn für den Einsatz bei größeren Konstruktionen muss zunächst ein praktikables Modell zur Beschreibung des Tragverhaltens gefunden werden, das dem Konstrukteur in der täglichen Entwurfspraxis als Bemessungsgrundlage dienen kann.
Beeindruckend verliefen in Dresden jedenfalls Experimente zur Verstärkung von Stahlbetonbauteilen mit einer Schicht aus textilbewehrtem Beton. Sie ergaben, dass die Tragfähigkeit der alten Stahlbetonplatte um bis zu 125% erhöht werden kann. Rissbildung und Durchbiegung konnte deutlich verbessert werden. Noch drastischer zeigten sich die Eigenschaften des neuen Materials, als eine dünne, textilbewehrte Betonplatte einem 4-Punkt-Biegeversuch unterzogen wurde. Selbst bei einer Durchbiegung von 60 Millimetern hielt sie noch Stand ohne durchzubrechen. In diesem extremen Stadium des Versuchs zeigten sich indes beginnende Delaminierungen, so dass man dem neuen Stoff ein ausgesprochen duktiles Verhalten bescheinigen kann. Ein Versagen solcher Bauteile kündigt sich demnach durch entsprechend große Verformungen frühzeitig an und tritt nicht plötzlich auf.
Auch der Test der weltweit erste Brücke aus textilbewehrtem Beton im Otto-Mohr-Labor der TU Dresden übertraf alle erwarteten Werte. Die neun Meter lange Fußgängerbrücke besteht aus zehn jeweils 90 Zentimeter langen Segmenten, die im Oschatzer Betonwerk vorgefertigt und mit sechs Stahllitzen der Firma Suspa-DSI vorgespannt werden. Die so im Werk zusammengesetzte Brücke wurde anschließend an den Einsatzort transportiert. Die Brücke besticht durch ihre Bauteildicke von nur drei Zentimetern und bringt ein Gesamtgewicht von 5 t auf die Waage. Eine vergleichbare Brücke aus Stahlbeton würde etwa 25 Tonnen wiegen. Unterdessen hat ein erstes Produkt aus Textil-Beton die "Allgemeine bauaufsichtliche Zulassung" des Deutschen Instituts für Bautechnik erhalten: Fassadenplatten aus Betonwerkstein.
Hersteller der textilbewehrten dünnwandigen Fassadenplatten ist die Hering Bau GmbH & Co. KG - ein Unternehmen, das in unterschiedlichsten Bereichen des Bauens tätig ist. Hering Bau bringt die innovative Neuentwicklung unter dem Namen betoShell in allen Farben von Betonwerksteinen auf den Markt. "Dieses System eignet sich insbesondere für die Sanierung bestehender Gebäude, da wegen des geringen Gewichts auch eine Verankerung in weniger tragfähigen Untergründen möglich ist", so Dipl.-Ing. Reiner Grebe, Leiter des technischen Büros bei Hering. Die Dicke der Fassadenplatten ist mit 20 mm erstaunlich gering - typisch für textilbewehrten Beton
Ein Informationsblatt zu dem neuen Werkstoff kann unter der E-Mail: baez@innovation-textil.de
beziegungsweise unter der Internetadresse: www.textil-beton.de angefordert werden.
Betonteile auf dem Laufsteg
17.12.2009 BAUMA-MOBILES 1/2010
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