Fiese Täter schlitzen tagsüber Planen auf, um nach wertvollen Waren Ausschau zu halten, die sie dann in der Dunkelheit stehlen. Zu welchen Auswüchsen dieses Prob-lem, mit dem es bislang eher Lkw-Fahrer zu tun hatten, führen kann, zeigt ein Blick in die benachbarten Niederlande. An allen Rastanlagen entlang der besonders stark befahrenen A 67 (Route: Ruhrgebiet-Rotterdam) wurden Videokameras installiert, deren Bilder rund um die Uhr in ein polizeiliches Lagezentrum nach Eindhoven übertragen werden. Die Überwachung durch insgesamt 100 Kameras greift übrigens auch an den Autobahnen 58 und 16.


Videoüberwachung in den Niederlanden

„Secure Lane heißt dieses ehrgeizige Projekt. Und es ist inzwischen so erfolgreich, dass sich die Zahl dieser Straftaten in den Niederlanden auf ein Minimum reduziert hat. Immerhin schätzt das Transportgewerbe im Nachbarland den Schaden, der durch den Diebstahl von Ladungen alleine im letzten Jahr entstanden ist, auf rund 360 Millionen Euro! Dabei sind die Sachbeschädigungen und Ausfälle noch nicht einmal berücksichtigt. Nachteil der intensiven Videoüberwachung ist allerdings, dass die Täter und deren Hintermänner jetzt vor allem im Grenzraum, also in Deutschland und Belgien, agieren. Polizeidirektor Peter J. H. G. van den Ende von der niederländischen Politie Brabant Zuid-Osst glaubt sogar, dass man es mit dem gleichen Täterkreis zu tun hat.


Elektronik ist besonders gefragt

Offizielle Zahlen, die Rückschlüsse auf die Menge der Straftaten zulassen, gibt es nicht. Hintergrund ist, dass viele Diebstähle erst von den Speditionen an deren Firmenstandorten gemeldet werden und sich deshalb nicht zuordnen lassen. Deutlich zu erkennen ist allerdings, dass es sich um eine besonders ausgereifte Form der organisierten Kriminalität zu handeln scheint. „Computer, Elektrogeräte und Markenartikel sind besonders gefragt, berichtet Polizeidirektor van den Ende, „eben alles was hochwertig ist und sich über das Internet schnell wieder vermarkten lässt. Das ist auch schon das Problem. Denn hinter den Dieben stecken regelrechte Hehlernetze mit einer ausgeprägten Logistik. Van den Ende beim Besuch der DAZ TRANSPORTER: „Auffällig ist auch, dass die Täter vor Gewalt gegenüber den Fahrern nicht zurückschrecken.


Auch Transporterfrachten sind gefährdet

Dass ausgerechnet nun auch Transporter mit Plane und Spriegel zu den gefährdeten Fahrzeugen gehören, ist für Polizeihauptkommissar Michael Tangermann von der Kölner Autobahnpolizei nicht verwunderlich: „Sie sind ebenfalls im internationalen Warenverkehr unterwegs und übernehmen oftmals besonders eilige Touren. Ganz abgesehen davon eignen sie sich natürlich besonders für den Transport von wertvollen Einzelfrachten. Und das wissen auch die Täter. Inzwischen arbeiten die Kölner Autobahnpolizisten eng mit ihren Kollegen in den Niederlanden zusammen und tauschen die gewonnenen Informationen aus. Danach scheint festzustehen, dass die Täter während des Tages Rastplätze und Parkanlagen ansteuern, um Ausschau nach interessanten Ladungen zu halten. Problem ist allerdings, dass der Polizei nur in den seltensten Fällen verdächtige Beobachtungen gemeldet werden.


Austausch zwischen den Polizeibehörden

Michael Tangermann: „Der Stress des Tages lässt vielen Transporter- und Lkw-Fahrern anscheinend nur wenig Spielraum. Dabei ist doch jedes Fahrzeug heute mit einem Handy ausgestattet und über die Rufnummer 110 kosten Anrufe bei der Polizei nicht mal etwas. Was die Ergreifung der Täter angeht, brauchen wir unbedingt Hinweise, denn nur dann kann es uns gelingen, wichtige Erkenntnisse zu gewinnen und zuzugreifen. Details der bisherigen polizeilichen Ermittlungen kann und will der Polizeihauptkommissar nicht nennen. Nur soviel: „Wir arbeiten landesweit mit Hochdruck an der Lösung dieses Problems und tauschen uns auch mit Behörden in anderen Bundesländern aus. Es kann einfach nicht sein, dass einzelne Fahrer an unseren Rastanlagen ausgeraubt werden. Deshalb bitten wir auch die Fahrer um Unterstützung.


Besonders viele Fälle in Niedersachsen

Doch nicht nur entlang der deutsch-niederländischen Grenze sind die Schlitzer der Polizei aufgefallen. In Niedersachsen startete das Landeskriminalamt (LKA) in Hannover unlängst eine Aufklärungskampagne, nachdem es allein am Rasthof Auetal an der A2 etwa 20 Fälle von Ladungsdiebstahl gegeben hatte. „Deutschland liegt als Transitland besonders im Visier der Schieber, verdeutlicht Frank Federau vom LKA die Situation. Dabei ist die Vorgehensweise auch in Niedersachsen immer die gleiche: Tagsüber wird sorgfältig ausgekundschaftet, nachts geraubt. Zum Abtransport der Waren nutzen die Diebe meistens Kleintransporter und sind über die Autobahn schnell wieder verschwunden. Die Täter, die in Niedersachsen ihr Unwesen treiben, kommen nach Einschätzung der Polizei aus Osteuropa.


Auch Sachsen-Anhalt ist betroffen

Diese Erkenntnisse decken sich mit den Ermittlungen der Polizei in Sachsen-Anhalt. So gab es 2009 im Bereich der Autobahnpolizei Börde exakt 57 Frachtdiebstähle. Die meisten Taten wurden auf den Rastanlagen Börde-Nord und Lorkberg-Nord unweit von Haldersleben verübt. Und das, obwohl es ganz in der Nähe auf dem Rasthof Uhrsleben einen videoüberwachten Stellplatz gibt. Problem in der Praxis ist allerdings, dass kaum eine Spedition bereit ist, für eine Nacht in dem Sicherheitsbereich 25,- Euro zu bezahlen. So liegt die Auslastung der Anlage gerade mal bei zehn Prozent. Da laut einer EU-Studie jährlich Waren im Wert von rund 8,2 Milliarden Euro auf dem Transportweg gestohlen werden, fordert auch der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) dringend eine Verbesserung der Situation.


Polizei warnt vor Gegenwehr

Erhöhte Wachsamkeit scheint zur Zeit also die einzige Chance im Kampf gegen die Schlitzerbanden zu sein. Dabei bittet die Polizei die Fahrer von Lkw und Transportern ausdrücklich, sich bei Überfällen vorsichtig zu verhalten, weil die Tätergruppen als gewaltbereit gelten. „Es ist besser, einen Notruf abzusetzen, als den Helden zu spielen und zur Gegenwehr auszuholen, rät deshalb Polizeihauptkommissar Michael Tangermann. Und das gilt auch für Fälle, wenn sich Verdächtige nur in der Nähe der Fahrzeuge befinden. „Ein lauter Ruf verunsichert die Täter am meisten. Das verunsichert sie, weil sie nicht auffallen wollen. Obwohl die Parkplatzsituation entlang der deutschen Autobahnen angespannt ist, rät Tangermann zur Benutzung beleuchteter Rastanlagen. Besonders problematisch sind trotz Intensivierung der polizeilichen Überwachungsmaßnahmen nämlich entlegene und dunkle Parkplätze.

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Autor: Norbert Böwing
Fotos: Norbert Böwing

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